Kein Tag ist normal, es gibt immer irgendwas Neues, Unregelmäßiges, Unplanmäßiges. Trotzdem will ich euch an einem „ganz normalen" Tag hier in Lodwar teilhaben lassen; werde allerdings Erlebnisse von verschiedenen Tagen einfließen lassen.
Freitag. Ich wache von dem allmorgendlichen Geschrei von Kindern, Mamas, Hühnern, Ziegen auf, der durch die Ohropax dringt. Sarah und ich schlafen schon seit fast 2 Monaten draußen in einem Zelt, so ist es temperaturmäßig am Angenehmsten. Als ich im Haus in den Spiegel schaue, bekomme ich erst mal einen Schreck: Ich bin schwarz! Mit ein bissel Wasser bin ich aber ratzfatz wieder weiß... oder sagen wir braun. Oftmals erwacht man hier mit einer richtigen Sandschicht auf sich – Oktober ist der Monat der Winde, da geht es hier oftmals sehr stürmisch und damit auch sandig zu.
Heute ist erst um 9.30h Schulstart, d.h. wir können gemütlich frühstücken, nachdem das Haus gemeinschaftlich entsandet wurde. Nach dem Frühstück machen Sarah und ich uns auf den Weg in die Schule. Unser Schulweg ist total schön. Anfangs durch Sandwüste, einen Palmenwald, einen Hang erklimmen – Schock: Als ich oben ankomme stehe ich 20 Häftlingen gegenüber, die aussehen wie Panzerknacker, einen freudig grüßen, in einiger Entfernung trottet der Wärter hinterher. – durch Sand weiter, es wird steinig, eine Schar kleiner Kinder brüllen ihr morgendliches „How are you?", kleiner Berg, dann endlich Schatten und man ist in der Schule.
Riesige Geräuschkulisse. Frühstückszeit. Wir steigen über chai-trinkende Kids, die die Dininghall belagern, um in das Lehrerzimmer zu kommen. Nach unserem zweiten Frühstück, Chai + Mandazi, gehts in die 1.Klasse. Gleich unsere Problemklasse. Mit Hilfe eines Konzentrationsspiels, einem Vers („Nakuluja Academy, is a school for you and me, here we learn to read an write, to love each other, not to fight!"), den wir zusammen sagen, versuchen wir die fast 50 Kids auf uns auszurichten. In unserer Unterrichtsvorbereitung gehen wir erstaunlich strukturiert vor: Es gibt ein Thema, was sich durch die ganze Woche zieht. „Opposites"/Gegenteile ist die Überschrift dieser Woche. Heute sollen alle Klassen ein Bild beschreiben. Anschließend kommen wir auf Stärken und Schwächen bei Menschen zu sprechen. Jeder soll 2 Sätze schreiben, was er gut kann und 1 Satz, was er nicht so gut kann.
Mit der ersten Klasse ist das selbstständige Schreiben noch nicht möglich, deshalb gehen wir mit ihnen auf den Hof, wo sie sich bei einem Spiel austoben. Dann ist unsere halbe Stunde schon um. Wir haben einen Moment Pause und bemerken wie aufgedreht die 1.Klasse ist. In der Klasse geht der Punk ab. Actionspiele am Ende des Unterrichts kommen anscheint nicht so gut. Wir lernen aus der Erfahrung. Ein Lehrer muss für Ordnung sorgen. Er drischt mit einem Stock auf die Kinder ein! Sarah und mir tut das in der Seele weh. Mittlerweile müssen wir aber nicht mehr weggucken. Ja, man muss sogar manchmal aufpassen, dass man nicht selbst zum Stock greift. Mit dem Stock würde Vieles so viel einfacher und schneller gehen – aber wir haben unsere Prinzipien! Hier muss ich aber noch unbedingt anmerken, dass trotzdem eine sehr gute Lehrer-Schüler-Beziehung vorherrscht. Besonders Thomas, den Schulleiter, bewundere ich für sein gutes Händchen mit den Kids.
Nächste Klasse. Die 3.Klasse geht problemlos. Sie sind begeistert bei der Sache. Aber das selbstständige Schreiben macht selbst hier ein paar Schwierigkeiten. Nahtloser Übergang in die 2.Klasse. Das sind unsere begeistertesten Sänger. Als sie dann ihre Stärken und Schwächen formulieren sollen, ruft mich ein kleiner Junge zu sich. „Madam, aber ich hab doch gar keine Schwächen!" Typisch Schamkultur. Wir rütteln manchmal kräftig an den Fundamenten der afrikanischen Kultur.
Unsere absolute Lieblingsklasse ist die 4., denn sie ist mit 20 Kids gut überschaubar. Mit ihnen schreiben wir jeden Freitag ein Diktat. Nach dem üblichen Unterricht werden sie von uns gelobt. Gestern im Reliunterricht haben sie mit uns ein Theaterstück vorgeführt - und das absolut spitzenmäßig. Als wir sagen, dass wir total stolz auf sie sind, brechen sie schon mal in Jubel aus. Die afrikanischen Kinder können sich noch so richtig freuen. Sie jubeln, tanzen, juchzen, springen, lachen. Dann bekommt jeder zur Belohnung einen Luftballon. Die Freude ist grenzenlos. Sie ticken völlig aus. Wegen einem Luftballon. Ha, wenn ich da an deutsche Kinder denke...
Wir gehen total happy nach Hause, wo eine Nachbarin mit ihrem kranken Jungen sitzt. Das Kind glüht. Malaria. Lissy versorgt es mit Medizin. Nach dem Essen, korrigieren wir erst mal ganz gespannt die Diktate. Das erste Mal hat jemand Null Fehler. Wir freuen uns total. Unsere 2 kleinen Freunde, Solomon und Wilson, stehen vor dem Zaun und singen. Als wir uns zu ihnen raus in den Sand setzten, kommen sofort noch mehr Kinder angerannt. Gegen 17h kommen die ersten Jugendlichen angeschlürft. Wir spielen jeden Tag Volleyball und es kommen immer um die 50 Leute aus der Nachbarschaft. Auf diese Weise haben wir einen guten Kontakt zu den Jugendlichen hier. Mittlerweile hat sich das ewige Muzungu-Anstarren gelegt, wir gehören dazu! Es ist eine gute Zeit, mit viel Spaß, Diskussionen, Gesprächen oder auch einfach abreagieren und austoben.
Als wir nach Hause kommen ist eine Mama mit ihrem 3-jährigen Kind zu Besuch. Das Kind sieht total schlecht aus. Kein Wunder, es hat seit 2 Tagen nichts mehr zu Essen bekommen. Lissy vermutet zudem Malaria. Das Mädchen bekommt erst mal was zu trinken, soll dann eine Banane essen, die mit einer Tablette gespickt ist. Leider bemerkt sie die Tablette und spuckt sie aus. Die Mama stopft sie wieder rein, das Mädel spuckt sie wieder raus. Der Übersetzter übernimmt die Regie. Nun beginnt ein grausames Schauspiel: Die Mama hält das schwache Kind, so dass es liegt, stopft mit der anderen Hand die Tablette in den Mund, während der Übersetzter das Kind mit einer Taschenlampe blendet und mit seiner riesigen Hand ihr Mund, wie bei einem Tier aufquetscht. Ich kann nicht hinsehen. Das Kind will schreien, der Schrei wird mit Wasser erstickt. Und die Tablette ist unten. Aber nicht lange, denn sie bricht sie wieder aus. Der Magen ist kein Essen mehr gewohnt. Das Drama beginnt von neuem und noch einen Tick brutaler. Jetzt bekommt das Mädel die Panik, erstaunlich was für Reserven ein ausgepumpter Mensch noch haben kann, ich muss das Zimmer verlassen, kann das nicht mit ansehen. Aber dann ist die Tablette doch unten und alle beruhigen sich wieder....
Anschließend wollen wir Abendessen. Ich hab keinen Appetit. Wie soll man es an so einem reich gedeckten Tisch aushalten, während die Leute in unserer Nachbarschaft seit Tagen nichts gegessen haben?
Wir schauen noch ne DVD am Laptop, erschlagen einen Skorpion, als Nachthupferl gibts einen ganz besonderen Luxus: ein Stückchen Schokolade, dusche draußen im Mondschein unter den Palmen und krappel dann in unser Zelt und lausche den Trommelklängen, die durch die Nacht hallen. Ein ganz normaler Tag!
Miriam Arnold
(war einige Monate auf der DIGUNA-Station in Lodwar-Turkana)
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