



Mein Blick geht über ein grünes, hügeliges Land. Wiesen, Büsche, auch viele Bäume. Das ist Afrika??? Hatte ich mir ganz anders vorgestellt, eher braun und verdorrt. Wir sind in Ngechek, der Station, wo unser Baueinsatz stattfindet. Doch erstmal zurück zum Anfang unserer Reise.
Es ist Freitag, der 24. Oktober 2008. Graues Herbstwetter in Deutschland. Ein guter Zeitpunkt, um nach Afrika zu fliegen! Ich bin froh, als ich am Emirates-Schalter unsere Reisegruppe erblicke. Wir hatten uns bei einem eintägigen Vorbereitungs-Seminar in Haiger kennen gelernt. Neun Leute im Alter zwischen 20 (oder wie alt bist Du, Johannes?) und 46, sieben aus Deutschland, dazu ein Pärchen aus der Schweiz. Wir sind drei Frauen und sechs Männer. Eine gute Truppe, die Gott da zusammengerufen hat.
Am Flughafen treffen wir auch Sven von DIGUNA. Er hat einige Sachen (Werkzeuge, Ersatzteile etc.) dabei, die wir mit nach Kenia nehmen sollen. Dadurch haben wir einiges an Übergepäck, aber Emirates macht beim Einchecken keine Probleme. Apropos Gepäck: erlaubt sind offiziell 20 kg pro Person. Das hört sich erst mal viel an, ist es aber nicht wirklich. 20 kg sind schneller zusammen als man glaubt …
Nach einem Zwischenstopp in Dubai landen wir am Mittag des nächsten Tages in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Dort werden wir von zwei DIGUNA-Mitarbeitern herzlich empfangen. Auf einem Pritschenwagen mit Plane fahren wir die ca. 20 km zur Station in Mbaghati und dürfen das erste Mal die kenianischen Schlaglochpisten „genießen“. Wir bekommen einen ersten Eindruck vom Land, sehen auch die Armut: Menschen, die in Wellblechhütten hausen. Daneben stattliche Häuser und Villen, die zum Schutz von hohen Mauern und Stacheldraht umgeben sind. Etwas bedrückend.
Am übernächsten Tag fliegen wir mit einer Propellermaschine von Nairobi nach Eldoret im Westen Kenias. Auch dort werden wir wieder von zwei DIGUNA-Mitarbeitern, Rüdiger und Matthias, empfangen. Eine tolle Organisation und ich fühle mich von Anfang an sehr willkommen. Eldoret ist die fünftgrößte Stadt Kenias. Von dort bis zu unserem Ziel Ngechek fahren wir knapp eine Stunde. War in Nairobi noch alles sehr städtisch, so sind wir nun wirklich im Busch: üppige Vegetation, gelegentlich ein kleines Dorf mit Lehmhäusern, vereinzelte Maisfelder.
In Ngechek angekommen beziehen wir unsere Quartiere. Ich bin baff über den Standard, hatte eher Schlafsäle und Matratzenlager erwartet, aber wir bekommen richtig tolle Gästehäuser mit richtigen Betten, sogar ein Bad mit Dusche und fließend warmem Wasser. Strom gibt’s auch rund um die Uhr. Als Matthias uns später auf der Station herumführt, erfahren wir auch warum: Ngechek hat wie alle DIGUNA-Stationen eine eigene Stromversorgung per Wasserkraft. In der Nähe fließt ein kräftiger Fluss und dort wird über eine Turbine Strom erzeugt.
Wunderbar ist die Aussicht von der Terrasse hinter unseren Gästehäusern. Der Blick geht über das eingangs beschriebene grüne Hügelland. Morgens hängen dort zauberhafte Nebelstreifen im Tal, abends geht dort die Sonne unter und malt wunderbare Farben an den Himmel. Ihr merkt schon, wir haben uns in dieses schöne Fleckchen Afrika ein bisschen verliebt :-).
Aber da war doch noch was. Wozu sind wir hier hin gefahren? Ach so, ja, der Baueinsatz! In Ngechek gibt es bereits zwei Kinderheime für insgesamt 24 HIV-infizierte Kinder. Jetzt soll Raum geschaffen werden für weitere 24 Kinder. Der Rohbau von Heim drei steht schon, der Rohbau von Heim vier ist unser Projekt. Rüdiger teilt die Teams ein. Jeweils ein „Mzungu“ (das sind wir, die Weißen) arbeitet mit einem der kenianischen Arbeiter zusammen. In der gemeinsamen Arbeit findet eine spannende Begegnung der Kulturen statt. Die Verständigung läuft auf Englisch. Kenia war bis in die 60er Jahre hinein britische Kolonie; Englisch ist neben Suaheli offizielle Amtssprache. So können die meisten Kenianer mehr oder weniger gut Englisch.
Dann also ran an die Arbeit. Die meisten von uns sind Neulinge auf diesem Gebiet, aber es geht ja auch darum, voneinander zu lernen. Das war denke ich für uns alle eine spannende Erfahrung. Wir sind nicht die Weißen, die alles besser wissen, sondern kommen in Demut um zu lernen. Silas und Johannes mischen den Beton, die anderen setzten Stein auf Stein. Wasserwaage und Lot, Mörtel und Kelle sind von nun an unsere werktäglichen Begleiter. Die Temperaturen sind angenehm für’s Arbeiten, so um die 20 bis 25 °C. Aber die Sonne am Äquator ist sehr intensiv und die meisten Nacken am Ende des ersten Arbeitstages rot. Ein Sonnenhut mit breite Krempe ist daher sehr zu empfehlen!
Das Kinderheim ist nicht unser einziges Projekt. Roland, den wir von der Station in Mbagathi mitgenommen hatten, und Michael, der eine Schreiner, der andere Zimmermann, bauen mit den kenianischen Arbeitern den Dachstuhl für das neue Schulgebäude. Matthias ist von Beruf Forstwirt. Als die Leute auf der Station das spitz kriegten, drücken Sie ihm sofort eine Motorsäge in die Hand. Seitdem ist die Station nicht mehr ganz so baumreich … ;-) Nicht zu vergessen sind unsere zwei Putzwirbel, Nelli und Martha, die im wahrsten Sinne des Wortes durch das Kinderheim fegen.
Einige Tage vor unserer Ankunft gab es mit „Johanna“ (jedes Auto auf der Station hat einen biblischen Namen) einen schweren Unfall, bei dem es aber – Gott sei Dank – keine ernsthaften Personenschäden gab. Aber das Auto war beschädigt und nicht mehr fahrbereit. Der andere Michael aus unserer Gruppe kennt sich aber gut mit Autos aus und setzt Johanna mit viel Einsatz und afrikanischer Unterstützung wieder in Stand. Rüdiger hat das vom geistlichen Standpunkt her sehr schön auf den Punkt gebracht: „Gott hat zugelassen, dass der Unfall passiert ist, wir wissen nicht warum. Aber er lässt uns nicht damit hängen, sondern schickt uns die Menschen, um den Schaden wieder zu beheben.“
Es ist eine geistlich intensive Zeit, das spiegelt sich auch im Tagesablauf wieder. Nach dem Frühstück (werktags um 7:00 Uhr!) gibt es eine Andacht. Sie besteht aus gemeinsamem Lobpreis, einem geistlichen Impuls und anschließendem Gebet. Vor den gemeinsamen Mahlzeiten wird ebenfalls gebetet. Es finden viele Gespräche statt zu persönlichen und geistlichen Themen.
Besonders wertvoll und wohltuend empfinde ich die Herzlichkeit und Wertschätzung, die uns als „building group“ entgegengebracht wird. Stets heißt es „Karibu sana“ – herzlich Willkommen, unser Haus steht für Euch offen. Die Mitarbeiter auf der Station geben sich sehr viel Mühe und gestalten ein tolles Rahmenprogramm. Wir machen zwei klasse Safaris, zum einen zum Lake Baringo und Lake Bogoria, zum anderen zum Nakuru Nationalpark. Wir dürfen riesige Flamingoschwärme sehen, anmutige Giraffen, mächtige Nashörner, Büffelherden, Krokodile, Nilpferde und als Krönung sogar eine Leopardenmutter mit ihrem Jungen (nur die Löwen fehlten). Einige Kenianer laden uns nach Hause in ihre Lehmhütten ein und dürfen ihre große Gastfreundschaft erleben.
Nicht zu vergessen unsere Heimkinder. Die sind so begeistert und dankbar dafür, dass wir Zeit mit Ihnen verbringen, zusammen spielen, toben, Geschichten lesen usw. Die Fröhlichkeit dieser Kinder ist einfach ansteckend. Einige von uns nehmen auch an einem Schuleinsatz teil. Sie gehen jeweils im Team mit einem erfahrenen Mitarbeiter der Station in die Schule, um mit Spiel und Gesang den Kindern Jesu Liebe nahe zu bringen und sind beeindruckt von der Unbefangenheit und Leidenschaft, mit der die Kinder darauf einsteigen. Sehr ermutigend! Keine Berührungsängste oder Interesselosigkeit wie vielfach in der westlichen Welt.
Es gibt leider auch ein paar Wermutstropfen, vor allem gesundheitlicher Art. Etwa zur Mitte der Baufreizeit breitet sich ein Grippevirus aus und legt die halbe Station flach: die Mitarbeiter, die Kinder und auch einige aus unserer Bautruppe. Eine von uns muss wegen Verdacht auf Malaria behandelt werden. Das Malaria-Risiko ist wegen der Höhenlage von Ngechek zwar gering, aber ein gewisses Risiko besteht trotzdem. Michael muss seinen Snack bei einem Imbiss in Eldoret mit drei Tagen Bauchkrämpfen bezahlen. Auch die Fahrten auf den Schlaglochpisten haben es in sich, manchem wird dabei schlecht. In einer der doch recht kühlen Nächte erkälte ich mich, was mich einige Tage außer Gefecht setzt.
Aber trotz allem, und das finde ich wieder bemerkenswert, bleibt die Grundstimmung in unserer Gruppe positiv. Franzi und Sebastian, die beide in der Krankenpflege arbeiten, sind mit ihrer gut bestückten Reiseapotheke allzeit zur Stelle. Darüber hinaus gibt es auf der Station eine gute medizinische Versorgung, und so sind die meisten bald wieder auf den Beinen.
Das Wetter spielt auch nicht immer mit. Eigentlich wäre jetzt Beginn der Trockenzeit, aber es regnet noch oft. Die Sandpisten werden dadurch schlammig und fordern von den Fahrern höchstes Können. Aber – und auch hier sei Gott Dank – der Regen fällt zeitlich so, dass unsere Bauarbeiten im Freien dadurch nicht ernsthaft beeinträchtigt werden und wir unser Werk vollenden können. Am Ende der Freizeit steht der Rohbau von Kinderheim vier, Johanna fährt wieder und wir können bei der Schule Richtfest mit dem neuen Dachstuhl feiern. Halleluja!
Jeder aus unserer „building group“ wird für sich ein individuelles und wie ich hoffe positives Fazit der Reise ziehen. Meines bringt Lukas 6, 38 sehr schön auf den Punkt:
Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.
Ich habe mich investiert mit meiner Zeit und meiner Arbeit am Bau. Aber ich habe so viel mehr von den Menschen und von Jesus zurückbekommen. So durfte ich ein Prinzip von Gottes Reich neu erfahren. Danke für Deinen reichen Segen, Herr. Amen.
Dirk Gardzella im Dezember 2008